Prag: Gold und hundert Türme
In der Rangliste der europäischen Städte, die auf Touristen die stärkste Anziehungskraft ausüben, gehört Tschechiens Hauptstadt zu den Top-Playern.
Mit Prag verbindet mich eine lange Freundschaft. Meine ersten Erinnerungen sind mittlerweile recht diffus, gehen sie doch auf die frühen Achtzigerjahre zurück, als die Schöne hinter dem Eisernen Vorhang schlummerte und die wenigen Besucher auf der Suche nach historischem Flair geflissentlich über die Tristesse und das Grau der Fassaden hinwegsahen. Prag hatte Glück. Es blieb von massiven sowjetischen «Prachtbauten» weitgehend verschont. Dennoch hinterließ es den Eindruck martialischer Strenge, im Gleichschritt marschierender Soldaten. Lebensgefühl konnten der Altstädter Ring, die berühmte Karlsbrücke und der Hradschin nicht vermitteln. Dafür verließ ich das ehemalige Judenviertel mit dem leisen Versprechen, zurückzukommen.
Adieu Tristesse
Mein zweiter Besuch hinterließ bereits einen weitaus positiveren Eindruck. Nach dem Mauerfall besuchten Großherzog Jean und Großherzogin Joséphine-Charlotte die osteuropäischen Länder, darunter, im Mai 1994, die Tschechische Republik und die Goldene Stadt. Dies bei sonnigem Frühlingswetter und unter privilegierten Bedingungen: Die Karlsbrücke war beim royalen Besuch teilweise abgesperrt, Warteschlangen gab es nie, dafür stets ausgezeichnete Führer. Sie konnten den Eindruck übertünchter Fassaden und verborgener Misere aber nicht ganz verwischen. In meinem Wohnzimmer erinnert heute eine geschnitzte Marionette an den Trip nach Prag. Viel Kultur stand damals auf dem Programm, das Versprechen, ins Judenviertel zurückzukehren, wurde jedoch nicht eingelöst.
Verbunden mit Luxemburg
Prag, die dritte. Seit der Einführung einer direkten Flugverbindung ist die Touristenhochburg nur mehr einen Katzensprung von Luxemburg entfernt. Nach einer knappen Stunde setzt die Maschine auf dem Flughafen Ruzyne auf. Weil der Hinflug wochentags frühmorgens ist, kann man den Vormittag gleich genießen. Prag empfängt heute seine Gäste in strahlendem Glanz und mit einer faszinierenden Vielfalt an urbanem Leben. Das Mittelalter blieb rund um den Altstädter Ring, mit seinem berühmten Rathaus, erhalten. Zu jeder vollen Stunde sammeln sich die Touristen vor der Uhr, um dem Aufmarsch der Apostel zu folgen, bevor sie zur so genannten Kleinseite mit ihren romantischen Gassen und verwun-
schenen Adelspalästen überwechseln. Wer Mut hat, geht den berühmten Krönungsweg vom Osttor am Altstädter Ring entlang, über die Karlsbrücke, hinauf auf die Burg. Wer es gerne bequemer hat, nimmt die Straßenbahn und geht den Berg hinunter.
Genau wie Luxemburg hat Prag eine über tausendjährige Geschichte. Teilen tun sich beide Städte die Erinnerung an Jhang de Blannen, der als Johann von Luxemburg in Prag Geschichte geschrieben hat: Dies vor allem in seiner Eigenschaft als Vater des von den Tschechen verehrten Königs Karl IV. Der spätere deutsche Kaiser baute die Burg auf dem Hradschin nach einem Brand wieder auf. Sie ist die einzige Residenz in Europa, die seit ihrem Bau ständig Regierungssitz war. Noch heute hat Präsident Vaclav Klaus dort seinen Amts- und Wohnsitz. Kaiser Karl IV. hat aber auch den Veitsdom und vor allem die berühmte Karlsbrücke bauen lassen. Der Altstädter Brückenturm trägt das Wappen des Roten Löwen, genau wie die Burg Karlstein, in der er die Reichskleinodien aufbewahren ließ. Mit Luxemburg teilt sich Prag auch eine Herrscherin: Kaiserin Maria-Theresia von Österreich wurde 1743 in Prag zur Königin von Böhmen gekrönt.
Ob man nun drei Tage oder nur drei Stunden Zeit für Prag hat, das atmosphärische Judenviertel am Nordrand der Altstadt sollte ein fester Bestandteil des Besuchsprogramms sein. Die Stadt hat das ehemalige Zentrum höchster Gelehrtheit, die Kernzone des magischen Prag touristisch gut in Szene gesetzt. Maisel- und Klausensynagoge sind heute hervorragend dokumentierte Museen des jüdischen Lebens, in der Pinkassynagoge wird der Opfer des Zweiten Weltkrieges gedacht, die Altneusynagoge ist die älteste komplett erhaltene Synagoge in Europa und über dem berühmten Friedhof schwebt scheinbar immer noch der Geist Rabbi Löws und seines Golem.





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