Herzlich willkommen ! Bienvenue chez les Ch’tis
Seit langem nennt sich Bergues «l’autre Bruges des Flandres». Doch erst ein Kinofilm setzte das Städtchen im Departement Nord auf die Landkarte des Tourismus.
Jacques Martel schließt die schwere Holztür auf, setzt sich auf den Schemel vor sein Instrument und wechselt seelenruhig die Brille. Dann tritt er wuchtig mit den Füßen auf die Pedalen und haut mit den Knöcheln in die Tasten. Als die 50 Glocken seines Carillons zu Haendels «Largo» ansetzen, hört kaum einer der 4.306 Stadtbewohner hin. Allzu oft klettert der Glockenspieler von Bergues in den letzten Monaten auf den Belfried und spielt seinen Besuchern ein Stück vor. Zum Beispiel wie im Film: «I just called to say I love you»!
Bis Februar 2008 war es ruhig in der Stadt, die seit der Trockenlegung der Polder im 11. Jahrhundert nicht mehr am Meer liegt, jedoch durch einen neun Kilometer langen Kanal mit der Küste bei Dunkerque verbunden ist. Als die Österreicher das Umland einmal unter Wasser setzten, beschrieb ein Chronist die Stadt als den Mont Saint Michel des Nordens. Der Landstrich gehörte jahrhundertelang zu Burgund und zu den spanischen Niederlanden, ehe Ludwig XIV. das südliche Flandern am Ende des 17. Jahrhunderts seinem König-
reich einverleibte.
Vom grünen Berg
Der Carillonneur tritt zur Seite, um ein junges Paar aus Paris vorbeizulassen, das die 193 Stufen keuchend hinaufge-
stiegen ist. «Seit dem Kinofilm erklimmen sieben Mal mehr Menschen den Belfried als vorher.» Von der 47 Meter hohen Terrasse ist der Blick frei auf den Groenberg und die Ruinen der Abtei Saint Winoc. Sie stehen am Ursprung des Namens der Stadt, die früher Bergues Saint Winoc hieß: Der Hauptname ist vom 22 Meter hohen Groenberg – grüner Berg auf Flämisch – abgeleitet, die zwei Türme darauf sind die Überreste einer dem Heiligen Winoc gewidmeten Abtei, die während der Französischen Revolution zerstört wurde.
> Anfahrt
Bergues liegt 366 km von Luxemburg-Stadt entfernt über Namur und Lille. Der Besuch kann mit einem Aufenthalt an der französischen oder der belgischen Küste verbunden werden (nach Dunkerque und zum Strand von Malo sind es 9 km, zur belgischen Grenze bei La Panne 15 km). Wegen des großen Andrangs wurden «Zone bleue»-Zonen eingeführt. Die Parkdauer ist seit September auf den öffentlichen Plätzen auf eine bis zwei Stunden begrenzt. Am Straßenrand bleibt das Stationieren kostenlos.
Regisseur und Schauspieler Dany Boon hatte sich für Bergues entschieden, da sein Großonkel dort von 1934 bis 1999 die Glocken zum Klingen brachte. Allerdings mit jahrelanger Zwangspause: Der Stadtturm war 1944 von den abziehenden deutschen Truppen gesprengt und erst 1961 wieder aufgebaut worden. Als Jacques Martel bei der Uraufführung des Films «Bienvenue chez les Ch’tis» in Lille – wo er über einen roten Teppich schritt und sich vorkam wie ein Filmstar in Cannes –, das Glockenspiel hörte, bekam er Gänsehaut. Der 52-Jährige hatte im Gegensatz zu 400 anderen Einwoh-
nern der Stadt keine Statistenrolle im Film übernommen. Weder er noch sein Instrument spielten die Musik: Wegen des Platzmangels im Turm wurden die Innenaufnahmen in einem Studio gedreht.
Das Leben vor dem Film
Als Vizepräsident des «Office du Tourisme» und seit dem Ch’tis-Boom festangestellter Fremdenführer weiß Jacques Martel mit Stolz zu erzählen, wieso seine Stadt «l’autre Bruges des Flandres» genannt wird. Wegen Vaubans Festungs-
anlagen, gebettet in Grün wie am Brügger Minnewater. Wegen des Belfrieds, der den Marktplatz beherrscht, der alten Festungsgräben, der harmonischen Straßenzüge mit den Bürgerhäusern aus dem 17. und 18. Jahrhundert und des kleinen Kanals, der die Stadt durchquert: Alles typisch für eine flämische Stadt.
Das Hauptzentrum um den Place de la République und ein Nebenzentrum um den windigen Groenberg lassen den Stadtplan von Bergues wie eine Acht aussehen. Seit Vauban die Befestigungen der Spanier ausgebaut hat, veränderte das Städtchen sein Aussehen kaum. Zwar zerstörten die Revolutionäre die Benediktinerabtei, den Turm jedoch, ein Wegweiser für die Seefahrer auf dem Ärmelkanal, ließen sie unberührt. Das Stadthaus steht erst seit 1871 am Marktplatz, es wurde an seinem ursprünglichen Standort abgetragen und gegenüber dem Belfried neu errichtet. Vor der Tür sitzt auf einem großen Stuhl der «électeur de Lamartine», eine Puppe in der Tradition der Riesen in Frankreichs Norden. Der Edelmann stellt einen Zeitgenossen des Schriftstellers Alphonse Lamartine dar, der als Abgeordneter der Region von wenigen gewählt wurde, da nur eine reiche Minderheit das Stimmrecht besaß. An die Verwüstungen des Zweiten Weltkriegs erinnern nur noch wenige Wunden, wie etwa das fehlende Stück an der Kirche.
Jacques Martel weiß auch allzu Menschliches zu erzählen: Sébastien Le Prestre de Vauban soll der Stadt nicht nur Türm-
chen, Mauern und Réduits, sondern auch einen unehelichen Sohn hinterlassen haben. Er bestritt die Vaterschaft stets, hat aber einer Dame der Stadt eine bedeutende Erbschaft hinterlassen.
Nun setzt der Fremdenführer die Kappe des Briefträgers auf und führt seine Gäste in der «Ch’tis-Tour» von einem Drehort zum anderen. Zehntausende Menschen wollten in den vergangenen Monaten sehen, wo der erfolgreichste französi-
sche Film aller Zeiten gedreht wurde. «Drei Wochen und zwei Tage arbeitete das Filmteam in der Stadt», erinnert sich Jacques an den Sommer 2007, und fügt augenzwinkernd hinzu: «An keinem Drehtag regnete es.» Der Regen, der im Film auf Philippe Abrams prasselt, musste künstlich erzeugt werden.
Zum Weihnachtsmarkt wird eine Delegation aus der neuen Partnerstadt Salon-de-Provence in Bergues erwartet. «Wir haben ihnen geschrieben, sie könnten Handschuhe und Wollmützen zu Hause lassen», lästert Daniel Wayolle. Gerne sprechen der Präsident des «Office du Tourisme» und sein Vize über das Wetter. Sie wollen festgestellt haben, dass es übers ganze Jahr im Norden wärmer ist als in der Provence. «Wir sind auch im Herzen wärmer», behauptet Wayolle. «Im Süden wird man nur äußerlich akzeptiert, bei uns gehört man gleich dazu.»
Der falsche Briefträger geht weiter durch die Rue Faidherbe.
Auf der Nummer 24 begannen im Film der Briefträger Antoine und sein neuer Chef Philippe ihre Sauftour. «Ich bin nicht Annabelle», wehrt die Postbeamtin im Büro neben dem Gemeindehaus lachend ab. Im Film konnte das richtige Postgebäude nicht benutzt werden, da die Verwaltung die Genehmigung verpennt hatte. Schließlich stellte Gaz de France ein ausrangiertes Haus am Marché aux Fromages zur Verfügung, das als Postgebäude angemalt wurde. Im letzten Sommer erhielt die Stadt das Gebäude als Geschenk von GDF. Unterwegs geht es an der Taverne Bruegel vorbei, einem 400 Jahre alten Estaminet, das außen wie innen flämische Gemütlichkeit ausstrahlt. Und dann fühlt sich der Besucher ganz wie im Film: Das Haus, in dem Antoine mit seiner Mutter gewohnt hat, Annabelles Elternhaus und das Ufer, an dem Antoine und Philippe in den Kanal pinkelten, sind ganz in der Nähe.
Die Vitrine der Lust
Zahlreiche Touristen sahen sich in den letzten Monaten die «Lingerie Passion» auf dem Place Gambetta an, wo Antoines Mutter einen Lüstling hinter dem neuen Postvorsteher vermutete. «Unsere Vitrine ist das am meisten fotografierte Schaufenster Frankreichs», lachen Patricia und Françoise. Die Besitzerinnen haben ihr Angebot nach dem Filmruhm nicht geändert. «Der Verkauf hat kaum zugenommen», bedauern sie.
Die Terrasse des Café de la Poste, in die Philippe volltrunken mit dem Fahrrad raste, ist wieder intakt. Doch nach der Frittenbude von Momo sucht man vergebens. «Die gibt es nicht», gesteht Jacques Martel, und zeigt die Stelle am Place de la République, wo die Attrappe stand. Vor dem Haus einer real existierenden Friterie war die Bude aufgestellt worden. Frikadellen und Fritten mussten nur aus der echten Küche in die Bude gereicht werden. Der Erbauer der Frittenbude möchte der Stadt das Modell schenken, doch die Geste scheiterte bislang an denkmalschützerischen Einwänden.
Die abgetakelte Ruinenstadt, die Philippe seiner Frau zur Abschreckung als Bergues vorführte, ist viele Kilometer weit entfernt. Auch die Sprache mit den zahlreichen Sch-Lauten hört man in Bergues nicht. Das echte «cheutimi» spricht man bei Lille. In Bergues reden die Alten höchstens gelegentlich Flämisch.
> Übernachten
Hôtel Au Tonnelier**
rue du Mont de Piété 2-4
F-59380 Bergues
Tel.: 0033 328 68 70 05
www.autonnelier.com
contact@autonnelier.com
> Essen
Typischster Estaminet:
Taverne «Le Bruegel»
Rue du Marché aux Fromages 1
F-59380 Bergues
Tel.: 0033 328 68 19 19
www.lebruegel.fr
contact@lebruegel.com
> Ch’tis-Tour
In der Wintersaison wird die Tour zum Film mittwochs um 15 und samstags um 15.30 Uhr angeboten. Preis: 3,50 Euro; 2 Euro für Kinder bis 14 Jahre. Gruppenpreise auf Anfrage.
> Infos
Office du Tourisme
Beffroi
Place Henri Billiaert
F-59380 Bergues
Tel.: 0033 328 68 71 06
www.bergues-tourisme.fr
tourisme@bergues.fr





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